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Rituale des Hörens: Besuch in einem Geschäft für Ton-Nadeln
Friedrich Gleich führt ein einzigartiges Ladengeschäft für Tonnadeln
Aus der Hülle nehmen, auf den Teller legen, den Arm auf den Rand setzten. Das erste trockene Knacksen, bevor die Diamantnadel in die Rillen aus Vinyl gleitet. Nach 20 Minuten umdrehen: Schallplatten sind ein Fetisch. "Hier war einmal jemand, der besaß alle originalen Singles von Elvis Presley. Und der hat die immer mit sich herumgetragen", erzählt Friedrich Gleich.
Es ist Freitagnachmittag, kurz vor Weihnachten. Ein paar Schritte vom Münchner Hauptbahnhof entfernt, beste Lage. Der Laden führt Unterhaltungselektronikzubehör. Zwei Stunden vergehen und es lässt sich genau ein Kunde blicken. An einem Freitagnachmittag, kurz vor Weihnachten.
Besitzer Friedrich Gleich ist das egal. Sein Kunde hat bekommen, was er wollte. Eine Nadel für seinen Schallplattenspieler. "Freitagnachmittag ist nie viel los", sagt Gleich etwas entschuldigend. Doch es gibt nichts zu entschuldigen. Vorne, in der Landwehrstraße, geht es turbulent zu. Menschen drängeln sich durch Handyshops und türkische Supermärkte. Doch wenn man den Hinterhof des Hauses Nummer 48 betritt, betritt man eine andere Welt. Ein Paradies. Das "Tonnadelparadies". Man hat das Gefühl, als seien hier alle Regeln der heutigen Geschäftswelt außer Kraft gesetzt. Das gewohnte Zeitgefühl gilt hier nichts. Über allem liegt eine Patina: über den dottergelben Wänden, der alte Registrierkasse, der Schrankwand mit den unzähligen kleinen Schubladen. Ein Grammophon steht im Eck. Und da drüben: sieben alte Radiogeräte, sogar ein Volksempfänger. Der Laden ist eigentlich ein Anachronismus, genau wie Schallplattenspieler. MP3-Player, die haben sich vor Weihnachten verkauft wie Spritzen bei der Tour de France. Friedrich Gleich dagegen profitiert vom Weihnachtsgeschäft kaum. Trotzdem ist der 48-Jährige zufrieden. Sein Laden ist einzigartig. Keiner hat in München eine so große Auswahl. "Vielleicht ist das sogar deutschlandweit das größte Ladengeschäft für Tonnadeln", überlegt er. Ungefähr 1000 verschiedene hat er auf Lager. Über das Internet verkauft er sie europaweit.
Gleich ist überzeugt, dass Schallplatten besser klingen als CDs, besser als MP3-Player sowieso. Es ist eine ewige, eine nostalgische und eigentlich auch überflüssige Diskussion. Der eine mag den analytischen Klang der CD, der andere bevorzugt den wärmeren, nicht so perfekt-sterilen Klang des Vinyls. Es ist viel Einbildung dabei, doch gerade die Kraft der Einbildung macht Musik ja zu etwas Großartigem, Lebenswichtigem. Klingt ein und derselbe Song im Radio nicht ganz verschieden, je nachdem, welcher DJ ihn spielt?
Friedrich Gleich hat Zeit zu erzählen. Wie sein Großvater 1916 ein Geschäft für Musikinstrumente eröffnet hat und bald auch Tonnadeln verkaufte. Wie Anfang der sechziger Jahre dann sein Vater den Betrieb in der Landwehrstraße aufbaute. Einen Großhandel für Rundfunk und Elektro. Tonnadeln inklusive. "Im Laufe der Jahre brach immer mehr weg, bis die Tonnadeln übrig blieben", erzählt Friedrich Gleich fast ohne Bedauern. Die Gegend südlich vom Hauptbahnhof war damals Großhandelszentrum. Von den alten Kollegen ist keiner mehr da. "Ich habe mich spezialisiert - und ich bin geblieben."
Friedrich Gleich konnte bleiben, weil auch die Schallplatte geblieben ist. Als vor 25 Jahren die CD auf den Markt kam, wurde sie für tot erklärt. Doch schon seit Mitte der neunziger Jahre gibt es eine Renaissance der Langspielplatte. Der Absatz von LPs hat sich seither auf über eine Million verdoppelt. Vinyl ist wieder schick und hip. "Doch mehr verkaufte Platten bedeuten nicht sofort mehr verkaufte Plattennadeln", sagt Gleich. "Jede Nadel hat eine Laufzeit von fünf bis sechs Jahren."
Gleichs Kunden sind oft Spezialisten. Musikspezialisten, dem hypnotischen Zauber grammophoner Kunst verfallen: DJs, Musiker, Journalisten oder einfach Musikliebhaber, für die ihre seit Jahrzehnten liebevoll gepflegte Schallplattensammlungen ein Statement ist gegen die Wegwerfgesellschaft, für die Musik also mehr ist als bloße Zerstreuung, für die LPs einen Distinktionsgewinn bedeuten. Andere wollen einfach noch einmal ihren alten Plattenspieler, den sie auf dem Speicher entdeckt haben, anwerfen. Gleich kann jedem mit der passenden Nadel weiterhelfen. "Nur bei alten russischen Modellen wird es schwierig." Das "Tonnadelparadies" ist ein Ort ohne Hektik, wie er in der Großstadt selten geworden ist. Und was man dort bekommt, ermöglicht einem, Musik so zu hören, wie es ebenfalls selten geworden ist. Denn heute übertrifft die Speicherkapazität der MP3-Player meist die ihrer Benutzer. Man hört Musik quasi funktionell overdressed, lässt sich nur noch berieseln. "Wenn ich eine Schallplatte höre, dann nehme ich mir Zeit", sagt Gleich. Zum Nebenbeihören ist die LP auch nicht geeignet. Allein die Rituale des Hörens, vorgegeben durch die Mechanik des Abspielgerätes, schließen das aus.
Autor: Sebastian Gierke |
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Ein Königreich für eine Nadel - wie alte Plattenspieler wieder fit gemacht werden 17.04.08, 00:19:34 by NaSowas
Werfen Sie Ihren alten Plattenspieler nicht weg. Denn es gibt sie noch die guten alten Dinge: zum Beispiel im Tonnadelparadies, einen Laden in München, der selbige verkauft. Kaum einen Tonabnehmer, den Geschäftsführer Friedrich Gleich nicht auf Lager hat. NaSowas, das Radio aus dem Web, hat den Mann, der an der Nadel hängt, besucht. Reinhören.
Übrigens, die Tonnadeln kann man auch übers Internet ordern. Infos gibt es auf der Webseite des Tonnadelparadieses unter www.plattennadel-gleich.de. |
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